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Der sozialwissenschaftliche Bevölkerungsbegriff
Grundlagen und Vorgeschichte
pp. 13-31
Abstract
Was eine historisch gerichtete Bevölkerungswissenschaft unter Bevölkerung versteht und welche Breite ihr Bevölkerungsbegriff erreicht, wird klar, wenn man ihn dem amtsstatistischen Verständnis von Bevölkerung gegenüberstellt. Die Anzahl von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem exakt bezeichneten Gebiet ist einem Knochengerüst vergleichbar, das schon die Erscheinungsform wie Größe, Ausdehnung und Verteilung vorgibt, die lebendigen Weichteile um dieses Gerüst herum, die eigentlichen Lebensformen aber nicht preisgibt. Die Sozialwissenschaft schlüpft hier in die Rolle des Demiurgen, eines Schöpfers, der dem Lehm nun seine Seele einhaucht. Aus nüchternen und schier leblosen Bestandszahlen werden nun Lebens- und Sterbenszusammenhänge, Familiendasein, Generationenablöse, Wanderbewegungen und Flucht vor Hunger und Krieg. Der Blick in vergangene Epochen weckt eine geradezu archäologische Neugier, "wie es gewesen ist", wie gehandelt, gelitten und gedacht wurde, und nährt den Wunsch, den Gang der Menschheit oder eines Volkes—als "Bevölkerung"—nachzuzeichnen. Aus der Bevölkerungsbewegung wird eine gesellschaftliche Dimension, eine Transversale, die nichts unberührt lässt und im Zusammenhang von Sozio-Ökonomie und Sozialgeschichte, von Geistes- und Theoriegeschichte ein bedeutendes Stück kultureller Evolution eines Raumes ergibt.
Publication details
Published in:
Henler Patrick, Henßler Patrick, Schmid Josef (2007) Bevölkerungswissenschaft im werden: die geistigen Grundlagen der Deutschen Bevölkerungssoziologie. Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften.
Pages: 13-31
DOI: 10.1007/978-3-531-90291-3_2
Full citation:
Henßler Patrick, Schmid Josef (2007) Der sozialwissenschaftliche Bevölkerungsbegriff: Grundlagen und Vorgeschichte, In: Bevölkerungswissenschaft im werden, Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften, 13–31.